Kaum zu glauben
März 8th, 2010Vor kurzem habe ich eine seltsame Diskussion in einem Webforum zum Thema IT-Outsourcing verfolgt. Ausgangspunkt für den illustren Diskurs war das Posting einer russischen IT-Firma, die ihre Offshore-Dienstleistungen für Programmierung auf dem deutschen Markt anbieten wollte. Woraufhin sich eine Reihe von IT-Experten mit Hang zum Intellektuellen zu Wort meldeten und den russischen Unternehmer mit teilweise unverhohlenem Sarkasmus in Grund und Boden “argumentierten”. Es wurde ein bunter Reigen an Kritikpunkten aufgeführt:
- Derartige Preise machen den deutschen Markt kaputt
- Zu solchen Preisen kann niemand vernünftige Arbeit anbieten
- Offshore Dienstleistungen sind sowieso meistens von schlechterer Qualität
- Die meisten Offshore Projekte gehen in die Hose
- Man kann komplexe Entwicklungsprojekte nicht remote durchführen
- Es wird nur mit billigen Tagessätzen gelockt, dahinter stehen dann aber viel höhere Zeitaufwände, welche die günstigen Sätze kaputt machen
Hallo? Jemand zuhause?
Die Wirklichkeit scheint sich in derartigen Intellektuellenkreisen noch nicht herumgesprochen zu haben: Seit Jahren, beinahe Jahrzehnten, werden Milliarden $ durch Offshore/Nearshore/Outsourcing Dienstleistungen in der IT umgesetzt. Gerade große Konzerne greifen auf bekannte Beratungsunternehmen und IT-Dienstleister wie IBM, Accenture, EDS, CSC u.a. zurück, die dank ihrer schieren Größe weltweit tätig und vernetzt sind und über eigene Offshore-Zentren mit mehreren Tausend Mitarbeitern verfügen. Nicht selten werden für einzelne Projekte in der einen Ecke der Welt mehrere hundert Offshore-Mitarbeiter auf der anderen Seite der Erdkugel eingesetzt. Das ist alles längst Realität und Normalität, und vor diesem Hintergrund erschien mir die verbissen geführte Forumsdebatte wie ein mittelalterlicher Inquisitionsprozeß, bei dem es um die Verteidigung des kirlichen Lehrsatzes geht, daß die Erde eine Scheibe ist.
Man kann die ökonomischen, geopolitischen oder sozialen Konsequenzen dieser Realität beurteilen wie man möchte - aber sie zu negieren ist völliger Unsinn. Wahrscheinlich sind das die gleichen Experten, die ihren in China oder Taiwan hergestellten Flachbildschirm beim Billigdiscounter kaufen und ein gutes deutsches Wertarbeits-Auto fahren - aus US-Produktion.
Ich möchte aber noch etwas Inhaltliches zu den genannten Vorwürfen anmerken, die so einfach nicht richtig sind:
Dumping-Preise machen den deutschen Markt kaputt: Ein großer Teil der Arbeiten und Prozesse in der SW-Entwicklung sind heutzutage eine Commodity bzw. können nach standardisierten Abläufen durchgeführt werden. Damit sind sie weltweit handelbar und werden zu dem Tarif angeboten und nachgefragt, der ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis darstellt. Wenn der Flachbildschirm in Korea oder Mexiko nach dem gleichen ISO-zertifizierten Prozeß hergestellt werden kann wie in Deutschland oder Frankreich, dann entscheidet der günstigste Preis. So einfach ist das, und wer den Preisverfall in der SW-Industrie mit diesem Argument beklagt, der muß schön völlig leergeweinte Tränensäcke aus den letzten Jahrzehnten haben, in denen er die Globalisierung der Textil-, Elektronik- oder Automobilindustrie bejammert hat.
Niedrige Preise gleich schlechte Qualität: Die für uns niedrigen Preise sind im Offshore-Land i.d.R. überdurchschnittlich hoch. Weshalb sollte daher die Qualität darunter leiden? Wir setzen in unserem Nearshore-Zentrum in Rumänien bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Sekretariat) nur hochqualifizierte Absolven technischer Studiengänge ein, die meistens über viele Jahre hervorragender Berufserfahrung in der SW-Entwicklung verfügen. Aufgrund weltweit gängiger Standards können sie nach den gleichen Prozessen und Modellen arbeiten wie deutsche, amerikanische oder japanische Entwickler. Eine Reihe von Studien der vergangenen Jahre belegen, daß nur rund ein Drittel aller SW-Projekte im definierten Zeit- und Kostenrahmen enden und ca. ein Viertel der Projekte komplett gegen die Wand gefahren wird. Diese Studien untersuchen zum allergrößten Teil jedoch Projekte ohne Outsourcing-Komponenten. Es scheint also durchaus kein Problem zu sein, auch ein rein deutsches Projekt mit deutschem Kunden, deutschem Projektleiter, deutschen Entwicklern, deutschen Analysten / Designern und deutschen QA-Leuten zu versenken.
Projekte remote durchzuführen ist zu schwierig bis unmöglich: Dann scheinen wir in den vergangenen Jahren bei Infobest etwas falsch gemacht zu haben…. Selbstverständlich sind Projekte, die ganz oder teilweise an einer mehr oder weniger vom Kunden entfernten Lokation durchgeführt werden, anspruchsvoller als reine Onsite Projekte. Es kann aber sehr gut gelingen, wenn man sich entsprechende Gedanken über Kommunikation und Projektlogistik macht und auf eine saubere Umsetzung achtet. In unseren Projekten hat es sich z.B. als Best Practice herausgestellt, bei der Analyse und Erfassung von Anforderungen die nötigen Workshops immer mit dem Kunden vor Ort durchzuführen. Der persönliche Kontakt ist in der Anfangsphase eines Projektes von fundamentaler Bedeutung. Dieser Einsatz von einigen wenigen Tagen schafft dann jedoch die Möglichkeit, große Teile der Architektur- und Designarbeit sowie die gesamte Entwicklung remote durchzuführen. Während dieser Phasen genügen dann meist wöchentliche Jour-fix-Termine am Telefon, detaillierte regelmäßige Statusmeldungen und unkomplizierte Frage-Antwort-Spiele über Chat oder Email, um das Projekt auf Kurs zu halten. Dazu gehören auch noch klare Zuständigkeiten und Kompetenzen, eine saubere Projektplanung oder eine durchdachte Qualitätssicherung. Aber hierbei spielt es keine Rolle, ob das Projekt Onsite oder Offshore durchgeführt wird.
Höhere Zeitaufwände machen niedrige Tagessätze kaputt: Was am Ende entscheidet, ist das Gesamtergebnis. Wenn ein Kunde durch Einsatz von Offshore-Kapazitäten eine vergleichbare Qualität zu 40% bis 50% niedrigeren Kosten erhält und dabei 10% bis 15% mehr Projektoverhead in Kauf nimmt, wird er mit dem Ergebnis sehr gut leben können. Sicher mag es Anbieter geben, die durch niedrige Sätze locken und ihre Marge dann durch erhöhte Zeitaufwände wieder aufbessern. Aber erstens verfahren auch deutsche SW-Anbieter nicht selten nach diesem Modell, das ist keineswegs eine Offshore-Spezialität. Und zweitens liegt es auch beim Kunden, sich auf ein transparentes und überprüfbares Leistungserbringungs-Modell mit dem Lieferanten zu einigen. Zu unseren Standards gehört z.B. der Einsatz eines gemeinsam genutzten bzw. zugänglichen Versionierungs-Tools wie SVN. Damit kann der Kunde jederzeit sehen, wie der aktuelle Arbeitsfortschritt ist, welche Entwickler an welchen Komponenten arbeiten und wann welche Bausteine in welchem Zustand ein- oder ausgecheckt werden. Damit hat er ein vergleichbares Maß an Kontrolle, das er auch bei einem deutschen Dienstleister hätte.
Zu einem erfolgreichen Offshore-Projekt gehören noch wesentlich mehr Parameter als die hier genannten, dies soll und kann keine erschöpfende Liste sein. Sie soll aber zum Nachdenken anregen.
Vor einigen Monaten hatte ich ein Gespräch mit einem kritischen Interessenten und habe ihm u.a. die genannten Punkte erläutert. Seine verständliche Grundhaltung war die, daß Papier geduldig und Worte zeitlos sind. Wir haben uns dann schließlich darauf verständigt, ein kleines Testprojekt von wenigen Manntagen durchzuführen, damit er sich ohne Risiko von unserem Nearshore-Modell und der Arbeitsweise überzeugen kann. Mit ähnlichen “vertrauensbildenden Maßnahmen” haben wir in den letzten Jahren hervorragende Ergebnisse erzielt und insbesondere mittelständische Unternehmen, die nicht über die Ressourcen, Verbindungen und Erfahrungswerte globaler Konzerne verfügen, zu unseren Kunden gemacht.