Wie wo was Nearshore - Teil 3
Vielleicht die spannendste Frage überhaupt: Woran scheitern häufig Nearshore-Projekte? Wir hatten in Teil 1 schon im Groben resumiert, welches die wesentlichen Voraussetzungen für die Machbarkeit und den Erfolg von Nearshore-Projekten sind. Sie erinnern sich: Spezifizierbarkeit des Projektes, Organisationsgrad bzw. Verständnis für Entwicklungsmodelle und Projektmanagement sowie vernünftige Kommunikation stehen sicher ganz weit vorne.
Es gibt jedoch einen weiteren sehr wesentlichen Aspekt, der auch dann extremen Einfluß auf ein Nearshore-Projekt nehmen kann, wenn die besten Voraussetzungen geschaffen wurden und alle Beteiligten guten Willens und froher Natur sind: die Kontinuität.
Aha, was meint er denn damit? Vielleicht am einfachsten ein paar Geschichten aus dem Nähkästchen:
- Im Verlaufe des Projektes wechselt der Kunden-Projektleiter. Es gibt keine wirkliche Übergabe und kein Briefing auf Kunden-Seite. Der Lieferant weiß nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen soll, da der neue Projektleiter ein erklärter Nearshore-Skeptiker ist. Und getreu dem Modell der “self-fulfilling-prophecy” nimmt das Schicksal natürlich seinen Lauf. Der schlaue Lieferant denkt an das Handbuch zur Lösung schwieriger Aufgaben und versucht natürlich, als erstes ein Kennenlern-Gespräch mit dem neuen Verantwortlichen zu führen. Dieser möchte aber nicht, keine Zeit, darum kümmern sich “meine Leute”, ich muß mich erst einarbeiten. Davon steht im Handbuch leider nichts.
- Das Projekt steuert auf seinen Höhepunkt zu, nur noch wenige Tage bis zur ersten Lieferung an den Kunden. Da fällt diesem ein, daß noch “schnell mal eben” eine kleine Änderung gemacht werden muß. Design Freeze hin oder her, dieser Punkt ist für den Business Case unglaublich wichtig, der CIO wetzt schon die Messer und wenn das nicht gemacht werden kann, dann ist der Lieferant wohl zu unflexibel und überhaupt hat man ja gleich bezweifelt, daß Nearshore etwas Gescheites ist wegen der Flexibilität und jeder deutsche Lieferant wäre da sicher einsichtiger…. die Dinge nehmen ihren Lauf, diese kleine Änderung betrifft einen Teil des Codes, der bereits durch den kompletten Funktionstest gelaufen ist und für einen umfangreichen Regressionstest reicht weder Zeit noch Aufwand, denn der Kunde besteht natürlich auf pünktliche Lieferung.
- Zu Beginn des Projektes werden akribisch genau die verantwortlichen Personen, ihre Rollen, Funktionen und Kompetenzen im Projekt definiert und sämtliche Spielregeln für Kommunikation festgelegt. Anstatt aber die ersten CRs wie vereinbart durch den CR-Verantwortlichen im Projektportal gesondert zu protokollieren, schreibt der Kunden-Projektleiter alle Änderungswünsche in einzelne Mails hinein. Anfangs macht sich der Lieferant noch die Mühe, die Punkte herauszukopieren, aber irgendwann wird auch das zu aufwändig. Man spricht den Kunden darauf an, dieser zeigt sich einsichtig, bleibt aber trotzdem bei seinen Mails. Weil eben die Zeit für aufwändigere Dokumentation fehlt. Soll sich der Lieferant darüber beschweren und auf dem vereinbarten Change Management Prozeß bestehen? Und was, wenn es dennoch nichts nützt? Spannend wird ein solches Thema traditionell immer dann, wenn CRs gesondert abgerechnet werden sollen…
Ich denke Sie erkennen, worauf ich hinaus will. Vernünftige Spielregeln zu vereinbaren ist das eine, sie in der täglichen Arbeit auch umzusetzen, das andere. Natürlich stehen hier beide Projektpartner gleichermaßen in der Pflicht, aber es liegt in der Natur solcher Beziehungen, daß sich ein Lieferant schwerer damit tut, seinen Kunden “bei der Stange” zu halten als umgekehrt. Das schöne Sprichtwort gilt letztendlich auch hier: nobody has ever won an argument with a customer…
Aber lassen wir keinen falschen Eindruck entstehen: Ich habe sehr viele sehr gute Projekte gesehen, und wenn das nicht auch die überwiegende Mehrheit der Projekte wäre, würde es wohl kein Nearshoring und keine Nearshore-Lieferanten geben. Aber glatt laufende Projekte sind wenig spannend und wir wollten ja auch ein wenig über das Scheitern sprechen…
Dezember 29th, 2011 at 22:57
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